Über Jahre lief die Auslandsstrategie chinesischer Autohersteller nach demselben Muster: in China produzieren und anschliessend weltweit verkaufen. Diese Phase neigt sich jedoch dem Ende zu. Künftig soll dort gefertigt werden, wo die Marken wachsen wollen – direkt in den jeweiligen Zielmärkten.
Eine Untersuchung der Beratung AlixPartners, die auf Befragungen von über tausend Führungskräften aus der Automobilbranche, von Tier-1-Zulieferern sowie aus Technologieunternehmen basiert, kommt zu einem klaren Ergebnis: Chinesische Hersteller wollen ihre Produktion ausserhalb Chinas bis 2030 auf 3,4 Millionen Fahrzeuge verdreifachen. Zum Vergleich: 2025 wurden ausserhalb Chinas erst 1,2 Millionen Fahrzeuge gebaut.
Als Treiber dieser strategischen Wende nennt der Bericht unter anderem den Heimatmarkt, der sich in den letzten Jahren als äusserst kompetitiv erwiesen hat. Hinzu kommen laut Studie ein bewusstes Reduzieren politischer Risiken sowie der Wunsch nach stabilerer Nachfrage.
Europa und Lateinamerika im Zentrum der Strategie
Während chinesische Hersteller ihre Aktivitäten noch vor Kurzem stark auf Märkte wie Russland und den Nahen Osten ausrichteten, hat sich der Schwerpunkt inzwischen in Richtung Europa und Lateinamerika verschoben. Insgesamt planen sie die Fertigung in mindestens 16 Ländern ausserhalb Chinas. Investitionen laufen bereits in Ungarn, der Türkei und Thailand – mit dem Ziel, die Präsenz auch auf den amerikanischen Kontinent auszuweiten.
In Lateinamerika ist der Einfluss chinesischer Marken bereits deutlich sichtbar: Sie halten rund 1/5 des gesamten Automobilmarkts der Region und verantworten mehr als die Hälfte der Verkäufe von Elektrofahrzeugen. Besonders Südamerika hebt die Studie als attraktive Chance hervor – unter anderem, weil Konsumentinnen und Konsumenten dort preissensibel sind und die Wettbewerbsvorteile etablierter Hersteller als vergleichsweise fragil gelten.
In Europa gilt vor allem der Süden des Kontinents zunehmend als wichtigstes Einfallstor. Der Bericht betont, dass für den Erfolg chinesischer Marken eine starke, konsequent kundenzentrierte Produktführung entscheidend sein wird – und damit ein Ansatz, der sich von der derzeit noch stark engineering-getriebenen Ausrichtung unterscheidet.
Dass sich das Modell vom Exporteur zum lokalen Produzenten verschiebt, zeigt sich bereits in konkreten Projekten: BYD steht kurz davor, in seinem ersten europäischen Werk in Ungarn mit der Produktion zu starten, und plant zusätzlich eine zweite Anlage in Spanien. Auch MG (von SAIC), Changan Automobile und Great Wall Motors verfolgen Produktionspläne in Europa.
Zulieferer werden nachbessern müssen
Für die Zulieferindustrie formuliert die Studie eine unmissverständliche Warnung. „Es ist offensichtlich, dass chinesische Hersteller und Zulieferer noch grössere Pläne haben, beginnend mit einer höheren lokalen Produktion. Viele Zulieferer werden sich entscheiden müssen, ob sie Chancen mit chinesischen Unternehmen suchen oder ihre heutigen Kunden behalten wollen. In jedem Fall werden sie sich verbessern müssen“, sagte Andrew Bergbaum, globaler Co-Leiter des Automotive- und Industriebereichs bei AlixPartners.
Auch Dan Hearsch, der dieselbe Rolle wie Andrew ausübt, unterstreicht den Handlungsdruck: „Die Kosten und die Geschwindigkeit chinesischer Hersteller sind Weltklasse, und ausländische Wettbewerber müssen sich auf die Attribute konzentrieren, die Kundinnen und Kunden wirklich schätzen, und beim Rest nur ‘gut genug’ sein.“
Laut Bericht steht diese Entscheidung „auf dem Tisch“ – für die gesamte westliche Automobilindustrie: Entweder geht man Partnerschaften mit schnell wachsenden chinesischen Wettbewerbern ein, oder man vollzieht rasch einen Umbau, um bei Kosten und technologischer Leistungsfähigkeit mitzuhalten. Viel Zeit für diese Weichenstellung bleibt nicht.
Hersteller beginnen bereits, sich zusammenzutun
Die Autobauer reagieren bereits, und Kooperationen mit chinesischen Herstellern nehmen zu. Stellantis soll laut Bloomberg mit Dongfeng über den Verkauf oder das Teilen von vier Werken verhandeln.
Zudem will Leapmotor, der chinesische Partner von Stellantis, gegen Ende dieses Jahres die Produktion von Elektroautos in einem Werk des europäischen Konzerns in Spanien aufnehmen.
Neben weiteren Kooperationen sollen auch Ford und Geely Gespräche über eine industrielle Partnerschaft in Europa führen, bei der der chinesische Konzern das Werk der US-Marke in Spanien nutzen könnte. Nissan wiederum soll mit Chery über die Möglichkeit verhandeln, Modelle der chinesischen Marke im Werk in Sunderland, England, fertigen zu lassen.
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