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Safran Aircraft Engines setzt in Villaroche bei Paris auf tiefe Geothermie

Frau in Schutzhelm und Warnjacke bedient Tablet vor Industrieanlage mit Dampfaustritt und Baugerät.

Am Rand von Paris bereitet sich ein riesiges Luftfahrtwerk still und leise auf einen grundlegenden Wandel vor – bei der Frage, wie es seine Gebäude beleuchtet und vor allem beheizt.

In Villaroche östlich der französischen Hauptstadt macht Safran Aircraft Engines seinen grössten Industriestandort zu einem grossflächigen Praxislabor für saubere Wärme. Der Konzern hat mit dem Bau einer tiefen Geothermieanlage begonnen. Sobald sie läuft, soll sie den Verbrauch von fossilem Gas massiv senken – und die Energiekosten langfristig eher an die Geologie binden als an schwankende Märkte.

Eine Luftfahrt-«Mini-Stadt» auf dem Weg zu weniger CO₂

Der Standort Villaroche im Département Seine-et-Marne ist weit mehr als eine einzelne Fabrik. Rund 6'500 Mitarbeitende sind auf Werkstätten, Büros, Prüfstände und sogar ein firmeneigenes Museum verteilt. Hier werden Triebwerke für Airbus- und Boeing-Verkehrsflugzeuge entwickelt und gebaut – ebenso wie für das Kampfflugzeug Rafale.

Nur wenige Dutzend Meter von der Bohrplattform entfernt wird derzeit ein gewaltiger Prüfstand für RISE vorbereitet, den Triebwerksdemonstrator der nächsten Generation, der gemeinsam mit GE Aerospace entsteht. Oberirdisch arbeiten Ingenieurinnen und Ingenieure an Effizienzgewinnen im Flug. Unter ihnen wird gleichzeitig die Wärmeversorgung dieses Innovationscampus neu organisiert.

„Safran feiert 80 Jahre Triebwerksbau in Villaroche, indem es den Untergrund darunter als langfristige Wärmequelle neu erschliesst.“

Umgesetzt wird das Vorhaben zusammen mit Dalkia, einer auf Energiedienstleistungen spezialisierten EDF-Tochter, sowie der Arverne Group, die die Tiefbohrungen betreibt. Gemeinsam wollen die Partner zeigen, dass sich ein Teil der Energiewende der europäischen Schwerindustrie auf lokale Geologie stützen kann – statt auf importiertes Gas.

So soll die Geothermieanlage funktionieren

1'650 Meter tief bis in den Dogger-Aquifer bohren

Das Projekt basiert auf einer geologischen Formation, die französischen Energieplanern bestens bekannt ist: dem Dogger-Aquifer. Diese ausgedehnte Kalksteinschicht liegt in der Region Paris in rund 1'600 bis 2'000 Metern Tiefe und enthält Wasser, das durch die Erdwärme natürlich aufgeheizt wird.

In Villaroche ist die erste Förderbohrung bereits bis auf etwa 1'650 Meter abgeteuft. Dort hat das Wasser ungefähr 75°C – ausreichend, um nach der Wärmeübertragung über Wärmetauscher einen grossen Teil des Heizbedarfs zu decken. Ein zweites Bohrloch, das derzeit fertiggestellt wird, komplettiert die sogenannte „Doublette“: Aus dem einen Schacht wird gefördert, über den anderen wird das abgekühlte Wasser wieder zurück in den Untergrund geführt.

Das System läuft als geschlossener Kreislauf:

  • Heisses Wasser wird aus dem tiefen Aquifer an die Oberfläche gepumpt,
  • über Wärmetauscher wird die Energie an das Heiznetz des Standorts übertragen,
  • das abgekühlte Wasser wird in dieselbe geologische Schicht reinjiziert.

„Im herkömmlichen Sinn wird nichts verbraucht: Die Anlage leiht sich die Wärme, nicht das Wasser, und führt die Flüssigkeit in ihr ursprüngliches Reservoir zurück.“

Diese Auslegung soll Auswirkungen auf den Grundwasserstand begrenzen und das Reservoir langfristig im Gleichgewicht halten. Der Dogger wird in den Pariser Vororten seit Jahrzehnten für Fernwärmenetze genutzt – entsprechend gross ist die Betriebserfahrung bei vergleichbaren Tiefen und Temperaturen.

Von Gasheizkesseln zu CO₂-armer Grundlastwärme

Für einen einzelnen Industriestandort ist der geplante Wechsel erheblich. Laut Safran soll die Geothermieanlage nach vollständiger Inbetriebnahme rund 84% des Wärmebedarfs in Villaroche abdecken. Die bestehenden Gasheizkessel könnten damit schrittweise ausser Betrieb gehen oder nur noch als Reserve dienen.

Damit verbunden ist eine Reduktion der standortbezogenen Treibhausgasemissionen aus der Wärmeversorgung um 75% – das entspricht etwa 6'500 Tonnen vermiedenem CO₂ pro Jahr. Für ein einziges Werk sind das Grössenordnungen, die sonst eher bei grossen kommunalen Netzen auftreten als auf einem Firmengelände.

Unternehmensintern ist das Vorhaben ein zentraler Baustein eines breiteren CO₂-armen Fahrplans. Safran hat zugesagt, die direkten betrieblichen Emissionen bis 2030 gegenüber 2018 zu halbieren. Weil industrielle Wärme einen wesentlichen Teil der Fabrikemissionen ausmacht, ist eine jahrzehntelange, CO₂-arme Wärmequelle ein strategischer Hebel.

Eine Investition von €30 Millionen in langfristige Stabilität

Für die Geothermieanlage in Villaroche sind Investitionen von rund €30 Millionen vorgesehen. In der industriellen Wärmeversorgung ist das ein bedeutender Kapitaleinsatz – für eine Technologie, die danach mit vergleichsweise tiefen Betriebskosten auskommt.

Rein finanziell rechnet sich das Modell typischerweise nur über lange Zeiträume. Tiefe Geothermieprojekte benötigen oft zehn bis fünfzehn Jahre Betrieb, um die Kosten für Bohrungen, Untergrundstudien, Anlagentechnik an der Oberfläche sowie die Einbindung in das Heiznetz zu amortisieren.

Viele Industrieunternehmen zögern, sich auf derart lange Vertragslaufzeiten einzulassen – insbesondere dort, wo Standorte, Produktionslinien oder ganze Geschäftseinheiten rasch den Besitzer wechseln können. Mehrere Geothermievorhaben in Frankreich wurden in der Vergangenheit genau aus diesem Grund gestoppt: Es fehlte ein „Ankerkunde“, der bereit war, einen langfristigen Wärmeliefervertrag zu unterschreiben.

„Mit dem Entscheid setzt Safran kurzfristige Flexibilität gegen berechenbare Energiekosten, die fast unabhängig von Gaspreisen und Geopolitik sind.“

Sind die Bohrungen erstellt und die Station in Betrieb, ist die Wärme an sich praktisch kostenlos. Laufende Aufwände entstehen vor allem durch Unterhalt, Strom für die Pumpen und die Überwachung. Die Temperatur im Untergrund schwankt nicht mit globalen Krisen, Währungsturbulenzen oder Engpässen in der Logistik.

Für einen energieintensiven Standort, der über Jahrzehnte weiterlaufen soll, kann diese Art von Planbarkeit genauso attraktiv sein wie die Emissionsminderung.

Seltenes Vorbild für Schwerindustrie in Frankreich

Eine Technik, die aus der Fernwärme kommt

Geothermische Wärme ist in Frankreich kein Neuland – besonders nicht in der erweiterten Region Paris. Mehrere Gemeinden nördlich und südlich der Stadt zapfen den Dogger-Aquifer bereits an:

  • Chevilly-Larue im Département Val-de-Marne betreibt eines der historischen geothermischen Fernwärmesysteme und fördert heisses Wasser aus 1'700 bis 2'000 Metern Tiefe.
  • Villepinte in Seine-Saint-Denis nutzt eine moderne Doublette zur Versorgung eines lokalen Netzes.
  • Bagneux in Hauts-de-Seine hat ein jüngeres Projekt ergänzt, um den Anteil erneuerbarer Wärme im städtischen Mix zu erhöhen.

In diesen Fällen dient Geothermie vor allem zur Versorgung von Haushalten und öffentlichen Gebäuden ganzer Quartiere. Der Einsatz in der Schwerindustrie ist dagegen selten.

Von der Agrarindustrie zur Luftfahrt

Eines der wenigen industriellen Beispiele in Frankreich befindet sich in Rittershoffen im Département Bas-Rhin. Seit 2016 liefert dort eine tiefe Geothermieanlage Wärme aus mehr als 2'500 Metern Tiefe an Roquette, einen bedeutenden Standort der Agrarindustrie.

Andere Unternehmen sind noch in der Planungsphase. Michelin etwa untersucht in Clermont-Ferrand ein Projekt, um Prozesswärme mithilfe tiefer Geothermie zu dekarbonisieren.

Bemerkenswert an Villaroche sind vor allem Lage und wirtschaftliche Bedeutung: Es handelt sich um einen Kernstandort der europäischen zivilen und militärischen Luftfahrt – mit Tausenden hochqualifizierten Arbeitsplätzen und strategisch wichtigen Testeinrichtungen. Geothermie im industriellen Massstab in einem solchen Umfeld einzusetzen, ist ein weiterer Schritt in der französischen Dekarbonisierung.

„Die Anlage soll im Oktober 2026 in Betrieb gehen und wird die erste tiefe industrielle Geothermiestation dieser Art in der Region Paris sein.“

Was Geothermie für eine Fabrik konkret bedeutet

Wichtige Begriffe ohne Fachchinesisch

Wer mit Geothermie weniger vertraut ist, kann das Projekt in Villaroche mit ein paar Grundbegriffen besser einordnen:

  • Tiefe Geothermie: Wärmegewinnung aus grosser Tiefe – mehrere Kilometer oder mindestens über tausend Meter –, wo Wasser deutlich wärmer ist als an der Oberfläche.
  • Aquifer: Eine durchlässige Gesteinsschicht, die Wasser speichert. Im vorliegenden Fall ist der Dogger eine Kalksteinformation, die mit heissem Wasser gesättigt ist.
  • Doublette: Zwei Bohrungen – eine zur Förderung, eine zur Reinjektion –, um das Reservoir hydraulisch im Gleichgewicht zu halten.
  • Wärmetauscher: Ein Bauteil, das Wärme zwischen zwei Medien überträgt, ohne dass sie sich mischen; hier zwischen Geothermiewasser und dem Heiznetz der Fabrik.

In Villaroche wird die Geothermieanlage keinen Strom erzeugen. Ihr Nutzen liegt darin, Gasheizkessel zu ersetzen, die heute Gebäude, Werkstätten und Büros erwärmen – und möglicherweise auch Anlagen, die keine sehr hohen Temperaturen für Prozesse benötigen.

Risiken, Nutzen und mögliche nächste Schritte

Wie bei jedem Tiefbohrprojekt gibt es technische Risiken. Eine Bohrung kann Zonen mit geringerer Durchlässigkeit als erwartet treffen, was die Fördermengen reduziert. Die Temperaturen können einige Grad unter den Modellannahmen liegen und so die Gesamtleistung beeinflussen. Zudem sind Bauteile in der Tiefe Korrosion und Ablagerungen ausgesetzt, was über die Zeit aktiv gemanagt werden muss.

Üblicherweise begegnet man diesen Risiken mit detaillierten Untergrundanalysen, konservativen Auslegungsreserven und langfristiger Überwachung. Ein Vorteil für Safran und seine Partner ist die langjährige Erfahrung der Betreiber von Fernwärmenetzen in der Region Paris mit dem Dogger.

Auf der Nutzenseite spielt Geothermie ihre Stärken besonders dann aus, wenn der Wärmebedarf über das Jahr hinweg konstant ist. Ein grosser Industriekampus mit 6'500 Beschäftigten, Laboren, Prüfständen und Büros ist dafür nahezu ein idealer Abnehmer. Die gleichmässige Nachfrage ermöglicht hohe Auslastungsfaktoren und verbessert damit die Wirtschaftlichkeit.

Perspektivisch könnten ähnliche Projekte Geothermie mit weiteren CO₂-armen Technologien kombinieren. So können Wärmepumpen mittlere Geothermietemperaturen für bestimmte Prozesse auf ein höheres Niveau anheben. Solarthermieanlagen können im Sommer zusätzliche Kapazität liefern, während Geothermie die winterliche Grundlast trägt. Wärmespeicher können tägliche Spitzen glätten.

Für Fabriken in geologisch geeigneten Regionen könnte diese Kombination Gasheizkessel schrittweise zu reinen Backup-Systemen machen – statt sie als Standardlösung zu betreiben. In Villaroche, wo zukünftige Flugzeugtriebwerke in Steinwurfdistanz zu einer tiefen Geothermiebohrung getestet werden, wird dieser Wandel bereits greifbar.


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