Die europäische Automobilindustrie ist in eine Phase eingetreten, in der Warnsignale nicht mehr nur Hinweise sind, sondern als klare Befunde gelten. Im jüngsten Bericht der CLEPA (European Association of Automotive Suppliers) heisst es, dass Europas Industrie zunehmend an Fähigkeit verliert, sich zu finanzieren, zu produzieren und international zu konkurrieren.
Der aktuelle CLEPA Pulse Check, der zusammen mit McKinsey erstellt wurde, legt die Anfälligkeit der Branche entlang von drei zentralen Linien offen: zu geringe Margen, eine schrumpfende Fertigung in Westeuropa sowie ein wachsender Wettbewerbsdruck durch chinesische Importe.
Die Studie zeigt zudem, dass sieben von zehn europäischen Zulieferern bereits in diesem Jahr mit Margen von unter 5 % rechnen – genau jenem Mindestniveau, das nötig ist, um weiterhin in Technologie, Produktionskapazitäten und die Qualifizierung der Mitarbeitenden zu investieren.
2026 auf Talfahrt
Für 2026 zeichnet sich kein freundlicheres Bild ab: 70 % der europäischen Zulieferer erwarten weiterhin Margen unterhalb dieser Schwelle. Das führt dazu, dass Unternehmen Vorhaben verschieben, Risiken konsequenter abbauen und in vielen Fällen Fertigung in wettbewerbsstärkere Regionen verlagern.
Benjamin Krieger, Generalsekretär der CLEPA, fasst die Lage so zusammen: „Die anhaltend niedrige Rentabilität bringt die Industrie auf einen gefährlichen Pfad. Ohne entschlossene Massnahmen droht die Komponentenproduktion in Europa zu verschwinden, weil Unternehmen zur Verlagerung oder Schliessung gezwungen sind – mit Folgen für Arbeitsplätze und Know-how.“
Aus Sicht der CLEPA ist die Analyse damit abgeschlossen, nun brauche es rasches Handeln: „Die Europäische Union hat Stärken als Industriestandort, aber es ist dringend nötig, die Stromkosten zu senken, Bürokratie abzubauen und den Zugang zu Finanzierung zu verbessern. Gleichzeitig müssen Local-Content-Politiken sicherstellen, dass kritisches Wissen in Europa bleibt“, betont der Generalsekretär der CLEPA.
Europäische Zulieferer erwägen Verlagerung
Dass die industrielle Basis erodiert, ist laut Bericht bereits spürbar. In den kommenden fünf Jahren plant die Hälfte der Zulieferer, ihre Produktionskapazität in Westeuropa zu reduzieren, während lediglich 10 % eine Ausweitung erwarten. Im Vergleich dazu sind die Aussichten in anderen Weltregionen deutlich dynamischer: 49 % rechnen mit Wachstum in Nordamerika, 42 % in Asien und 35 % in China.
Parallel zur Verschiebung von Kapazitäten verlagern sich auch die Investitionsprioritäten: Für 86 % der Zulieferer ist Wettbewerbsfähigkeit inzwischen die grösste Herausforderung – ein Plus von 14 Punkten gegenüber dem letzten Frühling.
Chinesischer Druck nimmt zu
Laut dem jüngsten CLEPA Pulse Check stehen 69 % der europäischen Zulieferer in direktem Wettbewerb mit chinesischen Importen. Das entspricht einem Anstieg um 12 Punkte innerhalb von nur sechs Monaten. Drei von vier Unternehmen gehen davon aus, dass dieser Druck weiter zunehmen wird. Die Branche sieht das Risiko, dass europäische Wertschöpfungsketten ihre eigene industrielle Basis nicht mehr ausreichend tragen können.
Zum Schluss setzt der Bericht einen entscheidenden Akzent: Europa verfügt weiterhin über Voraussetzungen, um konkurrenzfähig zu bleiben, hat jedoch kaum noch Spielraum, Entscheidungen hinauszuschieben. Ohne ein koordiniertes Eingreifen bei Energie, Regulierung, Finanzierung und Industriepolitik droht dem Kontinent der Verlust technologischer Leistungsfähigkeit, industrieller Autonomie und eines Zuliefer-Ökosystems, das bislang zu den wichtigsten Triebkräften von Wirtschaft und Beschäftigung in Europa zählt.
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