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Safran in Villaroche: industrielle Tiefengeothermie in Île-de-France zum 80-jährigen Jubiläum

Arbeiter in Schutzkleidung bedient Steuerpult neben grossen Industrie-Rohren mit dampfender Anlage.

In Villaroche östlich von Paris feiert der Luft- und Raumfahrtkonzern Safran das 80-jährige Bestehen seines grössten Industriestandorts – und stellt dabei die Wärmeversorgung grundlegend um. Statt weiterhin fossiles Erdgas zu verbrennen, lässt das Unternehmen Bohrungen bis 1.6 Kilometer Tiefe abteufen, um die gleichmässige Wärme unter der Île-de-France zu nutzen. Entstehen soll damit die erste grossindustrielle Geothermieanlage der Region.

Villaroche, eine Fabrik wie eine Kleinstadt

Der Standort Safran Aircraft Engines in Villaroche (Seine-et-Marne) ist weit mehr als ein gewöhnliches Industrieareal. Rund 6,500 Mitarbeitende sind dort tätig – in Montagehallen, an Prüfständen, in Büros, in Logistikbereichen sowie in Ausbildungs- und Trainingsstätten. Fläche und Energiebedarf erinnern eher an eine kleinere Stadt.

Von hier stammen Triebwerke für Verkehrsflugzeuge von Airbus und Boeing ebenso wie für Militärjets wie die Rafale. Gleichzeitig arbeiten Ingenieurinnen und Ingenieure in Villaroche an Konzepten für die nächste Triebwerksgeneration. Unweit der Bohrplattform wird zudem ein grosser Prüfstand für den RISE open-fan Demonstrator vorbereitet, der gemeinsam mit GE Aerospace über das Joint Venture CFM International entwickelt wird.

„Safran aims to cut operational emissions in half by 2030, and Villaroche has become a full‑scale testbed for low‑carbon industry.“

Oberirdisch soll die Luftfahrt sauberer werden. Unterirdisch entsteht parallel ein völlig anderes Dekarbonisierungsprojekt: Gasbefeuerte Kessel sollen durch Wärme ersetzt werden, die aus natürlich warmem Wasser gewonnen wird, das in tiefen Gesteinsschichten eingeschlossen ist.

Wie das industrielle Geothermie‑Novum für die Île-de-France funktionieren wird

1,650 metres tief in den Dogger-Aquifer

Der Bau der Geothermiestation startete im Herbst 2025. Die erste Bohrung, die inzwischen fertiggestellt ist, reicht bis auf etwa 1,650 metres in den Dogger-Aquifer – ein grosses unterirdisches Wasserreservoir, das unter weiten Teilen der Region Paris liegt. In dieser Tiefe beträgt die Wassertemperatur ungefähr 75°C.

Die zweite Bohrung, die derzeit vollendet wird, schliesst den Kreislauf. Zusammen bilden beide das, was Fachleute als „Dublette“ bezeichnen: eine Förderbohrung und eine Reinjektionsbohrung.

Das System arbeitet als geschlossener Kreislauf:

  • Heisses Wasser wird aus dem Dogger-Aquifer nach oben gepumpt,
  • die Wärme wird über Wärmetauscher an das Wärmenetz des Werks übertragen,
  • anschliessend wird das abgekühlte Wasser vollständig über die zweite Bohrung wieder in die Tiefe zurückgeführt.

„The hot water is not consumed; its heat is borrowed, then the same water is sent back to the rock layer that warmed it.“

Damit wird verhindert, dass der Aquifer ausgezehrt wird. Die Anlage transportiert im Kern Wärme – nicht Wasser – zwischen dem Untergrund und der Heizversorgung der Fabrik.

Deutlich weniger Gas und CO₂

Im Betrieb soll die Geothermiestation rund 84% des Wärmebedarfs von Villaroche abdecken. Die bisherigen Gaskessel, die das interne Netz über lange Zeit versorgt haben, sollen schrittweise ausser Betrieb gehen.

Für Safran ist der Klimaeffekt messbar: Das Unternehmen rechnet mit einer Reduktion von 75% bei den Emissionen, die in Villaroche mit der Gebäudeheizung verbunden sind. Das entspreche etwa 6,500 tonnes CO₂, die pro Jahr vermieden würden – je nach Fahrleistung und Treibstoffart vergleichbar mit den Jahresemissionen mehrerer tausend Autos.

Diese lokale Umstellung fügt sich direkt in die übergeordnete Low-Carbon-Roadmap von Safran ein: Der Konzern will seine betrieblichen Emissionen bis 2030 gegenüber 2018 halbieren. Als grösster Standort ist Villaroche dafür ein zentraler Baustein.

Eine Wette über €30 million auf stabile Energiekosten

Die Geothermiestation ist ein Projekt mit entsprechendem Preisschild. Die Gesamtkosten werden auf etwa €30 million beziffert; finanziert wird es gemeinsam von Safran und den Energiepartnern Dalkia (eine EDF-Tochter) sowie der Arverne Group, die auf Tiefbohrungen spezialisiert ist.

In der Schwerindustrie braucht es bei Investitionen dieser Grössenordnung in der Regel Planungssicherheit über mehr als ein Jahrzehnt. Zwar sind Tiefengeothermie-Infrastrukturen typischerweise für mehrere Jahrzehnte ausgelegt, doch die wirtschaftliche Amortisation wird meist über zehn bis fünfzehn Jahre gerechnet.

„Once the wells are drilled and the plant is running, the heat source is practically immune to commodity prices and geopolitical tension.“

Genau diese Stabilität war ein Hauptargument dafür, auf Geothermie zu setzen – statt beim Gas zu bleiben oder ausschliesslich auf Biomasse oder Strom umzustellen. Die Temperatur im Dogger-Aquifer hängt nicht von Weltmärkten ab. Die Betriebskosten ergeben sich vor allem aus Pumpen, Unterhalt und dem Strombedarf für den Anlagenbetrieb, nicht aus dem Einkauf eines Brennstoffs mit potenziell stark schwankenden Preisen.

Für einen energieintensiven Standort wie Villaroche ist diese hohe Vorhersehbarkeit der langfristigen Wärmekosten strategisch relevant. Sie mindert die Anfälligkeit für Preisschocks beim Gas – wie sie Europa nach Russlands Invasion in der Ukraine erlebt hat.

Warum dieses Projekt in Frankreich heraussticht

Eine in Städten etablierte Technik, in der Industrie aber selten

Tiefengeothermie ist in Frankreich nicht neu – besonders nicht im Grossraum Paris. Seit den 1980er-Jahren haben mehrere Gemeinden in der Île-de-France in den Dogger-Aquifer gebohrt, um kommunale Fernwärmenetze zu speisen. Orte wie Chevilly-Larue, Villepinte und Bagneux nutzen bereits Untergrundwärme, um Wohnsiedlungen, öffentliche Gebäude und Schwimmbäder zu beheizen.

Diese Projekte folgen demselben Grundprinzip wie in Villaroche: Dubletten, die Wasser in 1,600 bis 2,000 metres Tiefe fördern, die Wärme nutzbar machen und das abgekühlte Wasser danach wieder in den Untergrund reinjizieren.

In der Industrie ist der Einsatz hingegen weiterhin eher die Ausnahme. Ein Referenzprojekt befindet sich in Rittershoffen im Bas-Rhin: Dort liefert seit 2016 eine Geothermieanlage Hochtemperaturwärme an den Agro-Industrie-Konzern Roquette. Die Bohrungen reichen dort tiefer als 2,500 metres, um höhere Temperaturen zu erreichen, wie sie etwa für Trocknungsprozesse und die Stärkeproduktion benötigt werden.

Auch Michelin untersucht in Clermont-Ferrand Tiefengeothermieoptionen, um die Emissionen in seinen Reifenwerken zu senken. Dennoch bleibt die Zahl grosser französischer Hersteller, die tatsächlich langfristige Verträge abgeschlossen und Bohrungen realisiert haben, bislang gering.

„Villaroche is the first deep geothermal installation in Greater Paris dedicated to a major industrial site rather than a municipal heating grid.“

Vor diesem Hintergrund wird das Safran-Projekt von anderen Industrieunternehmen sowie von politischen Entscheidungsträgern aufmerksam verfolgt – nicht zuletzt, weil die Dekarbonisierung der Produktion gelingen soll, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.

Wo Villaroche auf der französischen Geothermie‑Landkarte steht

Standort / Stadt Hauptnutzung Ca. Tiefe Status Besonderheit
Chevilly-Larue (Val-de-Marne) Städtisches Wärmenetz 1,700–2,000 m In Betrieb Frühes Dogger-Aquifer-Projekt im Grossraum Paris
Villepinte (Seine-Saint-Denis) Städtisches Wärmenetz ~1,800 m In Betrieb Moderne Geothermie-Dublette
Bagneux (Hauts-de-Seine) Städtisches Wärmenetz ~1,700 m Jüngstes Projekt Erhöht erneuerbare Wärme in dicht bebauten Vororten
Rittershoffen (Bas-Rhin) Industrie (Roquette) >2,500 m Seit 2016 Erste industrielle Tiefengeothermieanlage Frankreichs
Clermont-Ferrand (Puy-de-Dôme) Industrie (Michelin) Under study In Entwicklung Bestandteil eines industriellen Dekarbonisierungsplans
Villaroche (Seine-et-Marne) Luft- und Raumfahrtindustrie (Safran) 1,650 m Geplant 2026 Erste grosse industrielle Geothermieanlage in der Île-de-France

Was Geothermie in einer Fabrik konkret bedeutet

Zentrale Begriffe hinter den Schlagzeilen

Geothermie wirkt schnell abstrakt – für einen Standort wie Villaroche lässt sie sich jedoch auf einige greifbare Anlagenteile herunterbrechen.

  • Dogger-Aquifer: eine mächtige, poröse Gesteinsschicht aus dem Jura, mit natürlicherweise warmem Wasser gefüllt und unter grossen Teilen des Grossraums Paris verbreitet.
  • Dublette: zwei tiefe Bohrungen – eine, um heisses Wasser zu fördern, und eine zweite, um abgekühltes Wasser wieder zu verpressen.
  • Wärmetauscher: Metallplatten oder Rohrsysteme, über die die Wärme des Geothermiewassers auf einen separaten, geschlossenen Kreislauf übertragen wird, der Radiatoren und Lüftungsanlagen der Fabrik speist.
  • Grundlastwärme: konstante, ganzjährig verfügbare Wärmeenergie, die Tag und Nacht bereitsteht – im Unterschied zu Solarenergie, die mittags ihren Höhepunkt erreicht.

Für die Betriebsführung heisst das: Geothermie kann als stabiler Hauptwärmelieferant geplant werden. Für Spitzenlasten in sehr kalten Perioden oder bei Unterhaltsarbeiten übernehmen Reserveanlagen – möglicherweise kleinere Gaskessel oder elektrische Heizsysteme.

Vorteile, Risiken und der nächste Schritt

Die Vorteile für Safran sind nicht nur finanzieller und ökologischer Natur. Ein Standort mit mehreren tausend Beschäftigten gerät häufig unter Druck von Behörden und Anwohnenden – etwa wegen Luftqualität und Lärm. Der Ersatz grosser Gaskessel durch eine geschlossene Geothermielösung senkt lokale Schadstoffbelastungen und macht das Areal weniger abhängig von Tankerlieferungen oder Engpässen bei Pipelinekapazitäten.

Dem stehen Risiken und Einschränkungen gegenüber. Tiefbohrungen sind geologisch nie ganz sicher: Gesteinsschichten können sich anders verhalten als erwartet, die Wassertemperatur kann unter den Annahmen liegen, oder die Förderrate ist zu gering. Zudem ist die Anfangsinvestition im wörtlichen Sinn „versenkt“, was Unternehmen abschrecken kann, die ungern 15-jährige Verträge eingehen. Und jeder Hinweis auf induzierte Seismizität – selbst leichte Erschütterungen – ist in dicht besiedelten Regionen besonders heikel; entsprechend eng überwachen Behörden solche Vorhaben.

Geothermie ist damit keine Universallösung für jede Fabrik. Am besten passt sie dort, wo ein geeigneter Untergrund vorhanden ist, ein hoher und gleichmässiger Wärmebedarf besteht und der Energiebedarf langfristig planbar ist. Das Projekt in Villaroche zeigt jedoch, wie ein grosser Industriestandort diese Bedingungen erfüllen und den Schritt dennoch konsequent umsetzen kann.

Wenn die Zusammenarbeit von Safran, Dalkia und Arverne über mehrere Winter hinweg stabil funktioniert, könnten ähnliche Anlagen in anderen französischen und europäischen Industrieclustern folgen. Stahlwerke, Chemiekomplexe und Betriebe der Lebensmittelverarbeitung benötigen riesige Mengen an Wärme im niedrigen bis mittleren Temperaturbereich. Für sie könnte das, was unter den Pisten von Safran erprobt wird, zu einem der pragmatischeren Wege werden, Emissionen zu senken, ohne Produktionslinien stillzulegen.


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