Zum Inhalt springen

Audi TT – Fahrbericht zur dritten Generation

Blauer Audi TT fährt auf kurviger Bergstrasse mit trockener Landschaft und bewölktem Himmel.

Design und Proportionen des Audi TT

Mit einer Entschuldigung einzusteigen ist unerquicklich – aber darf man beim neuen TT beim Design ganz leicht enttäuscht sein?

Das ist Geschmackssache, und wir würden es nachvollziehen, wenn genau das Ihr erster Reflex wäre. Gleichzeitig bringt Chefdesigner Exterieur Jurgen Loffler gegenüber TG.com einen Punkt auf den Tisch: „When you’ve come up with a car that looks like the TT, would you rip it up and start again?“

Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Immerhin ist der TT nicht aufgeblasen worden: Mit 4.18m Gesamtlänge ist er fast gleich lang wie sein Vorgänger, und auch die Höhe bleibt unverändert. Beim Radstand kommen 37mm dazu, im Gepäckraum gibt es mehr Platz, und die Überhänge fallen kürzer aus. Optional sind Matrix LED headlights erhältlich – und die lassen den Wagen noch grimmiger wirken als die Standardleuchten.

Auch bei den Lackierungen wird die Auswahl breiter. Dennoch gilt (wenig überraschend): Am stimmigsten wirkt der neue TT in einem stählernen Grau auf 20in-Felgen; in Gelb sieht er dagegen eher etwas schmächtig aus. Jurgen gibt zudem zu, ein Fan des Porsche 911 zu sein – sowohl des Originals als auch der aktuellen 991-Generation. „I guess the TT is our 911,“ ergänzt er zur weiteren Begründung dieser fein austarierten Interpretation der dritten Generation. Daumen gedrückt für einen 553bhp twin turbo.

Dass hier also kein „kleines“ optisches Update stattfindet, dürfte klar sein.

Technikbasis, Gewicht und Aufbau

Der TT ist tatsächlich komplett neu, und obwohl „Effizienz“ zu den grossen Schlagworten gehört, betont Audi, dass der Fokus ebenso stark auf dem Fahrer liegt – und dass das Auto vor allem Spass machen soll.

Unter dem Blech steckt die im VW-Konzern offenbar nahezu endlos variierbare MQB-Architektur (modular transverse matrix). Als 2.0-litre TFSi bringt der TT 1230kg auf die Waage – 50kg weniger als das vergleichbare Vorgängermodell. Der quattro liegt bei 1410kg, was weiterhin ein guter Wert ist. Zudem ist die Karosserie um 23 per cent steifer. Um Gewicht zu sparen und den centre of gravity zu optimieren, kombiniert Audi Aluminium mit hochfestem Stahl, ohne die passive safety aus den Augen zu verlieren. Das ist schon ziemlich clever gelöst.

Innenraum: Virtual Cockpit, MMI und Konnektivität

Und innen? Dort wird technologisch richtig aufgedreht.

Der zentrale Aufreger ist das Virtual Cockpit: Der klassische Zentralbildschirm entfällt, stattdessen kann der Fahrer die Anzeigeansichten im Kombiinstrument auf einem 12.3in-Display durchblättern und personalisieren – gebündelt in den Oberflächen „infotainment“ oder „classic“. Der erste Eindruck: Audi hat hier etwas ziemlich Grundlegendes angestossen.

Gemeinsam mit Nvidia steckt im System genügend Rechenleistung, um acht Milliarden Rechenoperationen pro Sekunde zu stemmen. Das Durchklicken der Funktionen – entweder über Lenkradtasten oder via MMI-Dreh-Drücksteller – wirkt anfangs etwas verwirrend, dürfte aber mit Routine schnell leichter von der Hand gehen. Die Darstellung von Google Earth und Street View im Navi ist so scharf, dass sogar parkierte Autos und Bäume sauber gerendert werden.

Vollständige Vernetzung ist möglich; das Datenübertragungsmodul soll 10-mal schneller sein als 3G. Ausserdem „versteht“ sich der TT sehr intensiv mit Ihrem Smartphone und kann Musik streamen. Alle UK-TTs erhalten eine Handschrifterkennung am Controller für Audio- und Navi-Eingaben (funktioniert, wirkt in diesem Umfeld aber seltsam aus der Zeit gefallen). Optional gibt es ein Bang & Olufsen-System mit 12 Lautsprechern und 680-watt Leistung.

Noch ein Detail: Das System merkt sich gewissermassen Ihre am häufigsten verwendeten Telefonnummern und Ziele und kann Informationen hochladen. Wenn Audi jetzt noch Scarlett Johansson als Stimme lizenzieren könnte …

Die Frage bleibt natürlich, ob man all diese Technik im Alltag wirklich nutzt. Vielleicht ja, vielleicht nein – beeindruckend weit gedacht ist es in jedem Fall.

Der neue TT tastet sich damit in Richtung AI vor. Zusammen mit der originell neu gedachten Klimabedienung sowie den erwartbar hochwertigen Materialien und Oberflächen wird der Innenraum zu einem zentralen USP.

Gleichzeitig ist das auch ein Auto, bei dem die Debatte um Privatsphäre plötzlich ganz real wird – ein Thema, das in Deutschland besonders heikel ist (man erinnere sich daran, als die NSA der US-Regierung beim Ausspähen der Telefonate von Bundeskanzlerin Angela Merkel erwischt wurde). Audi betont entsprechend, für Datenschutz-Sensibilitäten wachsam zu sein. Und doch: Wenn man im Stau auf der M25 steht, wird das vermutlich nebensächlich – weil es schlicht zu viel gibt, woran man herumspielen kann. Nur bitte keine anzüglichen Selfies an das MMI schicken.

Fahreindruck und Versionen: TFSi, Tdi ultra und TTS

Genug der Gadgets – kann der TT fahrdynamisch gegen BMW 235i, Merc SLK und Porsche Cayman bestehen?

Er kann, und je nachdem, welches Gepäck man gegenüber Audi grundsätzlich mitbringt, sogar überraschend überzeugend. Der mutmassliche Bestseller, der 2.0-litre mit 228bhp als TFSi, ist ein richtiges kleines Kraftpaket. Fahrkomfort und Dämpfung zeigen, dass die harten und hölzern wirkenden Audis von früher endgültig Vergangenheit sind.

Ja: Mehr natürliches Feedback in der Lenkung wäre wünschenswert, und die S-tronic-Doppelkupplung wirkt stellenweise etwas künstlich. Trotzdem ist der TT schnell, sehr sicher und deutlich interaktiver, als man es erwartet – egal ob als Fronttriebler oder in quattro-Ausführung. Er wirkt spürbar agiler als zuvor, die Front ist angenehm spitz, und bis die Haftung aufgibt, muss man ihn schon richtig fordern. Auch die Bremsen passen.

Die Automatik sprintet schneller auf 62mph (5.3 seconds), aber das Handschaltgetriebe fährt sich stimmiger und ist sparsamer (47.9mpg overall, 137g/km CO2; entspricht grob rund 5,9 l/100 km). Über Drive Select lassen sich Gasannahme, Klang und Lenkcharakter in Comfort, Dynamic, Efficiency, Auto und Individual anpassen. Bei Fronttrieblern gibt es ein e-diff, die quattro-Modelle bringen torque vectoring mit, und als Option stehen magnetic dampers auf der Liste. Das ergibt eine verwirrend grosse Zahl an Kombinationen – die Hardware darunter ist jedoch wirklich stark.

Und die übrigen Varianten?

Die Antwort lautet: ja, die taugen ebenfalls. Wer auf Dienstwagenkonditionen achtet, sollte sich den 183bhp 2.0 Tdi ultra ansehen: 67.3 combined mpg und 110 carbons sind als Paket im Hinblick auf BIK (Benefit-in-Kind) durchaus verlockend. Im Coupé mögen wir zwar weiterhin lieber Benzin, aber hier fühlt es sich nicht so an, als sei die Vorderachse in Beton getaucht, und das 6-Gang-Handschaltgetriebe gefällt.

Audi bleibt aus Emissions- und Verbrauchsgründen bei turboaufgeladenen Vierzylindern – entsprechend ist der 309bhp TTS aktuell das obere Ende der Fahnenstange (in UK kommt er erst nächsten Frühling). TG.com fuhr ihn ausschliesslich auf dem Ascari Circuit; dort wirkte er auf der Rennstrecke glücklicher als jeder TT vor ihm. Wenn etwas bremst, dann erneut die S-tronic.

Unterm Strich überwiegen damit die positiven Nachrichten.

Der TT TFSi Sport startet bei £29,860, der TTS bei £38,900. Er ist weiterhin nicht so messerscharf wie die Rivalen von BMW oder Porsche, und beim Exterieur hätte Audi unserer Meinung nach mutiger sein dürfen. Als Gesamtpaket ist er aber ausgesprochen verlockend – und er treibt das Technologie-Wettrüsten mit ordentlich Tempo voran. Allein das wird ihm eine sehr sichere Fangemeinde bescheren.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Seien Sie der Erste!

Kommentar hinterlassen